Mit Leib und Seele
Tun wir etwas mit Leib und Seele, empfinden wir Einklang zwischen unserem Fühlen und Denken. Keine Zweifel, die uns plagen, keine Unlust, die uns quält. Wir sind mit uns und der Welt im Reinen. Warum ist das so? Vielleicht, weil unser geistig-seelisches Sein dann angebunden ist an unsere körperliche Existenz. Das ist kein selbstverständlicher Zustand, wo wir uns doch eher darin geübt haben, unseren Körper zu beherrschen und weniger darin, ihn geistig zu durchdringen. Darum müssen wir wohl auch erst entdecken, wie das geht – Leib und Seele aufeinander einzustimmen, Denken und Fühlen miteinander zu vernetzen. Und offensichtlich brauchen wir dafür „Lernhilfen“, die uns sensibilisieren, damit wir achtsam werden, Reaktionen unseres Körpers und Äußerungen unseres Selbst zu erkennen und zu verstehen.
Keine Sprache ohne Körper
Richard Shusterman sieht in der Bedeutung, die einem solchen Verständnis von Körper und Geist zukommt, eine Wende. Methoden „Somatischen Lernens“ - wie die Feldenkrais-Methode – sind ein Aspekt, ein tragendes Element dessen, was er „Somatische Wende“ nennt. Als Philosoph bezieht er sich dabei auf die „sprachliche Wende“ (linguistic turn), als dem zentralen Thema der Philosophie des 20. Jahrhunderts. In Fortsetzung der Frage Emmanuel Kants nach den Bedingungen für Erfahrung, auch als Antwort auf den Cartesianischen Leitsatz „cogito ergo sum“, untersuchte die Philosophie die Sprache als strukturbildendes Prinzip jeglicher Form von Erfahrung; dies mit dem Ergebnis, in Sprachstrukturen die Grenzen des Erkennbaren zu sehen. Das würde bedeuten, dass es keine Erfahrung jenseits der Sprache gäbe. Eine Position, die inzwischen nicht mehr haltbar ist. Denn die Entdeckung und Erforschung des Körpers aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen hat gezeigt, dass die „soziale Konstruktion“ des Körpers nicht nur in Sprachstrukturen begründet ist, sondern sich auch in körperlichen Systemen manifestiert. Die Integration des Körpers als Kategorie im Sinne Emmanuel Kants, das heißt als ein a priori unseres Denkens und damit Grundlage unserer Erfahrung, erweitert die Frage nach dem „Was kann ich wissen?“. Sie erweitert diese Frage um den bisher vernachlässigten subjektiv erlebbaren Zusammenhang zwischen der Tätigkeit unseres Gehirns, den Reaktionen unseres Körpers und den Möglichkeiten und Grenzen unseres Bewusstseins.
Bewusstsein – das ungelöste Rätsel
Neben der Frage nach der Entstehung des Universums stellt die Bewusstseinsfrage eines der ungelösten Rätsel der Menschheit dar. Für den Philosophen Thomas Metzinger markiert sie die „äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis“. Weder die Philosophie, noch die psychologischen oder in jüngerer Zeit die Neuro-Wissenschaften konnten bisher ein konsensfähiges Bewusstseinskonzept vorlegen; dies, obwohl das Wissen um mentale und psychische Prozesse im letzten Jahrhundert wie niemals zuvor angewachsen ist, obwohl Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Gehirns neues Licht auf die Frage nach dem Bewusstsein geworfen haben. Was steht dem im Wege? Die Tatsache vielleicht, dass sich Bewusstsein als subjektive Erfahrung der evaluierenden Beobachtung entzieht und mit den herkömmlichen Mitteln wissenschaftlicher Beobachtung nicht quantifizierbar ist. Wie soll man Glück bewerten, wie Wohlbefinden messen, wie Trauer gewichten, wie Angst in Ziffern benennen? Die Herausforderung liegt offensichtlich nicht in der Bewusstseinskraft des Menschen. Sonst gäbe es keine Methoden „Somatischen Lernens“, die früher auch Körperbewusstseinsmethoden genannt wurden. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, Instrumentarien zu entwickeln, welche der Subjektivität des Menschen Geltung verschaffen. Methoden „somatischen Lernens“ scheinen vor dem Hintergrund der Frage nach Bewusstsein nicht allein von praktischem Wert. Der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet, halten sie alternative Modelle bereit, dem im abendländischen Denken so tief verwurzelten Dualismus zwischen Materie und Geist auf die Spur zu kommen.
Keine beweglichen Gehirne ohne bewegte Körper
Moshé Feldenkrais betrachtete diesen Dualismus als eine gedankliche Konstruktion. „Meine fundamentale Behauptung ist, dass die Einheit des Körpers und des Geistes objektive Realität ist, und dass diese Entitäten nicht auf die eine oder andere Weise miteinander in Bezug stehen, sondern ein unteilbares Ganzes darstellen. Noch deutlicher gesagt: Ich behaupte, dass ein Gehirn ohne motorische Funktionen nicht denken kann.“ (1) Und so widmete er die zweite Hälfte seines Lebens der Entwicklung einer Methode, die diese Einheit erfahrbar macht, derart erfahrbar, dass sie Bestandteil menschlichen Bewusstseins werden kann. Die Haltung, die daraus resultiert, Körper und Geist, Denken und Emotionen nicht mehr als getrennte Qualitäten zu begreifen, sondern in ihrer Wechselwirkung zu erleben, kann durchaus als ein neuer Zugang zum Bewusstsein aufgefasst werden – als Perspektive, Wissen und Erfahrung neu aufeinander zu beziehen.
Die Erkenntnis, dass körperliche, emotionale und geistige Reaktionen bewusstseinsfähig sind, teilte er mit Begründern verwandter Methoden. Jeder von ihnen arbeitete auf seine Weise daran, dem menschlichen Sein eine neue Dimension abzugewinnen. Moshé Feldenkrais war vor allem an der Funktionsweise des Nervensystems interessiert. In der sensomotorischen Wahrnehmung entdeckte er einen Weg, „die Zufahrt zu unserem Gehirn“ zu ebnen und so die „Lernfähigkeit“ des Nervensystems zu stimulieren.
Entwicklung in jeder Lebenslage
Gerald Hüther hat in seinem Buch „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ aus der Perspektive des Gehirnforschers die Formbarkeit des menschlichen Gehirns anschaulich dargestellt. Seine Forschungen haben gezeigt, dass jede Einwirkung auf neuronale Muster, soll sie nachhaltig sein, der Integration aller Ebenen, der kognitiven, der emotionalen und der körperlichen bedarf. „Die Menschen müssen die neuen Erfahrungen (von Selbstwirksamkeit, Gestaltungskraft und -lust, von Kompetenz und Selbstreflexion) am eigenen Körper und unter Aktivierung ihrer emotionalen Zentren machen, damit sie nachhaltig in Form entsprechender neuronaler Verschaltungsmuster in ihrem Gehirn verankert werden können.“ (2) So wie unser Gehirn zur Ausbildung komplexer Verschaltungen auf Informationen von außen angewiesen ist, so brauchen wir als Person zur Ausbildung geistiger und emotionaler Kompetenz Strukturen für den inneren Dialog. Moshé Feldenkrais sprach von Sensory Awareness, einer besonderen Form von Bewusstheit, die unsere sinnliche, emotionale und geistige Achtsamkeit gleichermaßen umfasst. Setzt lebenslanges Lernen hier an, dann ist die Aneignung von Wissen gekoppelt an persönliche Reifungsprozesse. Denn an der Schnittstelle zwischen körperlich-seelischem und geistig-seelischem Erleben gibt es ein unermessliches Entwicklungspotenzial, das in jedem Alter (immer in Relation zu den individuellen Voraussetzungen) entfaltet werden kann, ein Potenzial, das aber auch die Erkenntnisfrage erweitert um den Dialog mit dem Körper.
Die zwei Seiten der Medaille
Die Grundidee der Feldenkrais-Methode lag für ihren Begründer in der Umsetzung der Erkenntnis, dass mentale und physische Äußerungen (Geist und Körper) verschiedene Aspekte ein und derselben Tätigkeit darstellen. „Geistige und körperliche Tätigkeiten sind nicht zwei irgendwie verbundene Phänomenfolgen, sondern zwei Seiten des Ganzen, wie die beiden Seiten einer Münze.“ (3) Moshé Feldenkrais hat erkannt und benannt, dass persönliches Wachstum nicht auf die Ausbildung geistiger Fähigkeiten beschränkt bleiben kann, dass körperliche Erfahrung in jeder Altersstufe unabdingbar ist zur Ausschöpfung des Vermögens, unser Leben lang zu lernen und zu reifen. Die Feldenkrais-Methode regt nicht nur an, die Entwicklung des Menschen komplexer zu verstehen und grundlegend zu unterstützen. Sie lädt ein, das weite Feld der Psychosomatik zu bereichern, indem sie somatische und geistige Reaktionen aufeinander bezieht. Sie fordert dazu auf, Wege des „Therapierens“ zu beschreiten, die lernend zu selbstbewusstem Verhalten führen.
Angelika Odenthal
(1) Moshé Feldenkrais, Die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit, Bibliothek des FVD
(2) Gerald Hüther, Vorwort Kursleitermanual Spannungen lösen – Stress bewältigen mit der Feldenkrais-Methode, Hrsg. FVD, 2007
(3) Mohsé Feldenkrais, Körperausdruck, Bibliothek der FVD
Aus der Broschüre „Lernen in Bewegung“, Hrsg. Feldenkrais-Verband Deutschland e.v. (ISBN 3-937886-09-5)
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